Berlin, Wien, Zürich. 13. Dezember 2011. Ein Appell an die Vernunft war der Leitfaden des diesjährigen DACH Branchenforums vom 22. bis 23. November 2011, das bereits zum 5. Mal von der deutschen Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V. (GVU), dem österreichischen Verein für Anti-Piraterie der Film- und Videobranche (VAP) und der schweizerischen Vereinigung zur Bekämpfung der Piraterie (SAFE) veranstaltet wurde. Das gut besuchte zweitägige Expertentreffen in der Berliner Kalkscheune adressierte Modelle und Ideen der effektiven Unterbindung von Rechtsverstößen im Internet.
Zu diesen Themen sprachen und diskutierten Vertreter der Kreativindustrie, Politik, Justiz, Unterricht, Netzkultur und Online-Wirtschaft. Neben Fallstudien und Kurzpräsentationen zu Maßnahmen und Lösungen für einen zeitgemäßen Urheberrechtsschutz im Netz sowie neuen, legalen Distributionswegen für Filme, TV-Serien und Games prägten insbesondere zwei Podiumsdiskussionen den konstruktiv-kontroversen Charakter der Veranstaltung.
Wer muss zur Verantwortlichkeit im Internet beitragen?
In der lebendigen Paneldiskussion am 22. November 2011 diskutierten Jörg Weinrich von WebGuard und dem Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland, Christian Haspl vom österreichischen Provider Hutchison 3G, Thomas Seidel, Lehrer an der Maria Montessori-Grundschule in Berlin und Philipp Otto von irights.info unter der Moderation von Olaf Wolters von Boehmert & Boehmert. Zentrale Inhalte der Diskussion waren das Spannungsverhältnis von Datenschutz bzw. Anonymität im Internet einerseits und regelkonformem bzw. verantwortungsbewussten Verhalten andererseits.
Jörg Weinrich vermisste grundsätzlich eine angemessene Berücksichtigung des Rechts auf geistiges Eigentum. Er verlangte von der Politik klare Vorgaben zur Eindämmung der Pirateriequote – beispielsweise durch Aufhebung der Haftungsprivilegierung.. Philipp Otto plädierte dagegen für eine weitere Stärkung des Datenschutzes sowie eine Legalisierung des nach geltendem Recht illegalen Filesharings von urheberrechtlich geschützten Inhalten im Netz für private, “nicht-kommerzielle” Zwecke. Christian Haspl wünschte sich als Content-Provider die Vereinfachung der Lizenzverwaltung innerhalb Europas, um attraktive legale Angebote im Netz bereitstellen zu können. Thomas Seidel wies darauf hin, dass die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für regelkonformes und zivilisiertes Verhalten im Internet zu kurz kommt – insbesondere in der Pädagogik und Jugenderziehung.
Unter anderen aus diesem Grund benannten Polizisten und Staatsanwälte aus dem Publikum die Bagatellisierung von illegalem Filesharing und der Nutzung illegaler Streaming-Angebote als besonders schädigend für den Rechtsstaat. Andere Publikumsgäste hoben die zentrale Rolle der Internet Service Provider als Vermittler des Datenaustauschs hervor und regten tatkräftige Mitarbeit mit der Content-Industrie an.
Wie kann man aus Piraten wieder Kunden machen?
Moderiert von Lars Sobiraj (Gulli.com) suchte die Podiumsdiskussion am 23. November zwischen Lars Klingbeil, netzpolitischer Sprecher der SPD, dem Wissenschaftsjournalisten Sebastian Haupt, Wirtschaftsberater Stefan Herwig von Mindbase Strategic Consulting und dem User Sebastian Haselbeck nach Antworten auf wirtschaftliche Aspekte des Massenphänomens Raubkopieren.
Einleitend führte Sebastian Haupt in psychologische Erklärungsmodelle zur “Macht der Masse” ein. Danach neigen Menschen dazu, eigenes Verhalten an das der Mehrheit anzupassen. Stefan Herwig wies darauf hin, dass gerade tendenziöse Berichterstattungen diverser Medien dazu beitragen, Piraterie als Massenphänomen zu etablieren. Ferdinand Morawetz, Präsident des VAP, kommentiert diesen Diskussionspunkt: “Solange Medien in quasi gut gemeinten Service-Tipps Anleitung zum Raubkopieren geben, solange glauben User nichts Illegales zu tun.” Auf dem Podium benannten Herwig und Haupt Verbesserungspotenziale bei der Kundenansprache für eine schnelle, dialogorientierte Kundeninformation über Schaffensprozesse, die mehr Verständnis in der Öffentlichkeit herstellen könnten. Dem “enttäuschten” Konsumenten Sebastian Haselbeck fehlten im Vergleich zum Contentangebot in den USA attraktive legale Angebote in Europa. Um aus “Piraten” wieder Kunden machen zu können, bedarf es nach Lars Klingbeil eines Dreiklangs aus Wertevermittlung, dem weiteren Ausbau innovativer Geschäftsmodelle sowie einer Rechtsdurchsetzung, die sich vor allem auf die Anbieter illegaler Plattformen konzentriere.
SAFE-Geschäftsführer Jan Scharringhausen stellt heraus: “Um solche Intensivtäter wie digitale Hehler überhaupt ermitteln zu können, braucht es klare Regeln und Verantwortlichkeiten im Internet.”
Wie schon am ersten Veranstaltungstag, diskutierte das Publikum auch am 23. November intensiv mit. Vertreter der Filmwirtschaft beschrieben die wirtschaftlichen Zusammenhänge in der Filmproduktion sowie Verwertung und stellten fest, dass erst durch die Schaffung einer sicheren Umgebung im Netz reale Marktchancen für legale Angebote entstehen können.
“Leider müssen wir in der Diskussion immer wieder feststellen, dass der Konsument nicht weiß, wie die Kreativwirtschaft funktioniert und dass eine Vielzahl an Personen und Unternehmen beteiligt sind, bis ein Film dem Premierenpublikum präsentiert werden kann”, sieht VAP-Präsident Ferdinand Morawetz noch großen Aufklärung- und Informationsbedarf.
Die Verkennung der Verwertungsstrukturen in der Filmbranche und eine politisch bequeme Bevorzugung der uneingeschränkten Rechte für Konsumenten verhindern das Einhalten von Gesetzen zum Schutz des Gemeinwesens und untergraben das ökonomische Potenzial des Internets für legale Wirtschaftsmodelle. Ferdinand Morawetz dazu: “Es gibt leider auch in Österreich keine Augenhöhe in der Debatte. Wir müssen weg von der “alles ist gratis”- Mentalität, ehe es zu spät ist.” Und GVU-Geschäftsführer Dr. Matthias Leonardy: “Es geht um den Zugang zu einem Erlebnis, das ist die richtige Diskussion, denn so wie es jeder als falsch betrachtet, wenn man sich in ein Theater schleicht, ohne zu bezahlen, um ein Stück zu sehen, muss man es in Zukunft als falsch betrachten, wenn man ein digitales Produkt ansieht, ohne es bezahlt zu haben.”